Wüst + Wirr: MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND im Thalia Theater Hamburg

MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND

Von Tankred Dorst, inszeniert von Antú Romero Nunes

Antú Romero Nunes erste Inszenierung im großen Haus beginnt überschwänglich, enthusiastisch und euphorisch – um dann im zweiten Teil zu kippen: Eskapismus, Orientierungslosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Die Geschichte von Merlin, der die Sinnlosigkeit des Lebens nicht akzeptieren will und daher immer wieder in das Leben der Menschen eingreift, kann als Spiegelung des Werdegangs zahlreicher Utopien und Bewegungen gelesen werden: die Geburt einer Idee, der Bruch mit überlebten Strukturen, der Aufbruch in eine selbstgestaltete Zukunft voller Ideale, die Konfrontation mit der utopie-unverträglichen Realität, das Scheitern an eigenen Unfähigkeiten und Konflikten, schließlich der Weg des Eskapismus und der Flucht vor den Konsequenzen der eigenen Taten, der zwangsläufig in Gewalt, Zerstörung und Hoffnungslosigkeit endet.

Nunes findet hierfür wieder eine eindrucksvolle Sprache und bewegende Bilder: ähnlich wie bei seinen vorherigen Inszenierungen in der Gaußstraße, INVASION! und ATROPA, lässt er vor allem seinen Schauspielern Raum und Möglichkeiten, Bilder und Stimmungen zu gestalten und die Zuschauer zu berühren. Während im ersten Teil noch zusätzlich das ganze Reportoire der Theater-Trickkiste bis hin zum Glitzerkonfettiregen aufgefahren wird, bleibt am Ende nur die nackte Bühne, die von den ratlosen Figuren bespielt werden soll. Zwar erschließt sich während der fast 4 Stunden langen Inszenierung nicht immer jede Szene oder jede Figur jedem Zuschauer, aber das entspricht ja vielleicht auch der thematisierten „Überkomplexität des Lebens“.

Auf die große Frage „Wofür lebt der Mensch, wofür müht er sich ein Leben lang?“ findet logischerweise auch Nunes keine Antwort – oder wenn doch, dann fällt die Antwort des 27-jährigen Regisseurs nicht sehr optimistisch aus, da am Ende die Narren ihr Spiel wieder von vorne beginnen, ungerührt und unberührt von den Schicksalen der Menschen. Vielleicht auch eine gelungene Spiegelung: wie die Narren ihr Spiel wieder von vorne beginnen, gehen auch die Zuschauer wieder in ihre Alltagswelten und spielen munter ihre Spiele weiter, aber [zumindest ein paar] vielleicht etwas berührt von diesem Abend.

Besetzung

Regie: Antú Romero Nunes

Bühne:Florian Lösche
Kostüme:Matthias Koch
Musik:Johannes Hofmann

Video:Sebastian Pircher , Peer Engelbracht

Dramaturgie:Sandra Küpper

Darsteller:
Julian Greis
Lisa Hagmeister
Franziska Hartmann
Mirco Kreibich
Daniel Lommatzsch
Jörg Pohl
Rafael Stachowiak
André Szymanski
Sebastian Zimmler

Chor Karin Pawolka (Leitung), Nico Cornehl, Sybille Förster, Thorsten Schuck, Janina Troost (Solo); Lotta Marei Allewelt, Ines Maria Eberlein, Janina Kriszun; Vanessa Derkum, Marie Laackmann, Manuela Stange; Thomas Bernardy, Sigurd Hartwigsen, Bastian Kohn; Wolfgang Ahrens, Alexander Grimm, Christian-Malte Seidl, Lady Cindy Memsah (Die Wüstenprinzessin)
Live-Kamera
Anna Fenske, Annemarie Drexler

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