LIFE + TIMES EPISODE 2 vom NATURE THEATER OF OKLAHOMA

LIFE + TIMES EPISODE 2 vom NATURE THEATER OF OKLAHOMA war für mich beim LIFE ART FESTIVAL auf Kampnagel einer der beeindruckendsten Theatermomente seit langem.

Oberflächlich betrachtet war der Abend einfach extrem gelungene Unterhaltung: in knallfarbenen Adidas-Jogging-Anzügen wird im Stil eines DIY-Musicals zu irgendwie grotesk-einfachen Choreografien zu grotesk-einfacher elektronischer Popmusik aus dem Leben eines durchschnittlichen amerikanischen Teenagers in den späten 80er Jahren erzählt. So grotesk-einfach, dass klar ist, dass dieses Gesamtkunstwerk sehr genial ist. Genial dadurch, dass die schillernde Oberfläche in ihrer Brüchigkeit und künstlichen Authentizität mehr Bedeutungs- und Deutungsebenen bietet als zunächst vermutet.

Die zweite Episode von LIFE + TIMES basiert wie Episode 1 auf den Lebenserinnerungen einer heute „34-jährigen Durchschnittsamerikanerin“. Pavol Liska und Kelly Copper haben hierzu ein Telefonat mit Kristin Worrall transkribiert, inklusive aller „Äh“s, „you know“s, „well like“s, inklusive aller Sprünge, Relativierungen, Ergänzungen und Widersprüche, die der Sysiphus-Versuch, die eigene Biografie zu erzählen, zwangsläufig mit sich bringt. Dieser Entstehungshintergrund erschließt sich beim Betrachten von LIFE + TIMES EPISODE 2 aber nicht zwangsläufig, da der Text teilweise im Chor, teilweise in berührenden Solis vorgetragen wird und dadurch eher wie eine dramaturgisch-geschickte Kollage zahlreicher Texte und Biografien wirkt. Durch diesen Wechsel an Stimmen und Sprecher_Innen wird die individuelle Lebenserzählung sozusagen ent-individualisiert. Dies ermöglicht den Zuschauern zahlreiche Wiedererkennungs- und Identifikationspunkte und betont den fiktiven Charakter jeder biografischen Erzählung. Vom zeitlichen Rahmen der späten 80er-Jahre vielleicht abgesehen, verlieren dadurch räumliche und sogar geschlechtsspezifische Kategorien ihre einschränkende Bedeutung.

LIFE + TIMES EPISODE 2 erzählt somit auf sehr eindringliche und bewegende Art von den Freuden und Hoffnungen, aber vor allem vom Leidensdruck, der Adoleszens in einer absolut-kapitalistischen und -heteronormativen Gesellschaft, die bis in das privateste Detail der persönlichen Biografie hineinwirkt. Würden LeTigre und Foucault gemeinsam ein Musical inszenieren, würden sie sich sicher wünschen, dass es so wird wie LIFE + TIMES EPISODE 2.

VON Pavol Liska & Kelly Copper und dem Telefonat mit Kristin Worrall
MIT Elisabeth Conner, Anne Gridley, Fumiyo Ikeda, Robert M. Johanson, Julie Lamendola, and Alison Weisgall, Ilan Bachrach, Gabel Eiben, Daniel Gower, Matthew Korahais, Kristin Worrall
DRAMATURGIE Florian Malzacher
MANAGEMENT Kelly Shaffer
MUSIK Robert M. Johanson & Julie Lamendola
AUSSTATTUNG Peter Nigrini
SOUND Mark Kleinfelder

ein kleiner Eindruck von LIFE + TIMES EPISODE 1:

…und ein paar Hintergrundinfos:

…und ein Interview mit Pavol Liska & Kelly Copper:

…und eine musikalische Assoziation meinerseits: LES + RAY von LeTigre:

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s