Dekadent + destruktiv: AXOLOTL ROADKILL nach Helene Hegemann im Thalia in der Gaußstraße

‚Axolotl Roadkill’ ist eine Ikone der Romantisierung, Verkitschung und Mystifizierung von Abgefucktheit, Orientierungslosigkeit, Verlorenheit oder von Pseudo-Selbstzerstörung, die eigentlich nur eine Selbststilisierung und –inszenierung ist.

Eigentlich ist das hier eine Kritik, die sich weder gegen das Buch oder die Autorin, noch gegen die Inszenierung richtet, sondern gegen die Leser, Betrachter, Zuschauer und Konsumenten. Wo früher mal abgefuckte Stars wie James, Jim, Jimi oder Janis als Projektionsfläche verklärter bürgerlicher Freiheitsvorstellungen herhalten mussten, werden in Zeiten von SATC, DSDS, GNTM und MySpace eben alle kleinen verkorksten Identitäts-Individualisten zu möchte-gern-Anarchisten.

Helene Hegemann stellt dazu auch eine ganz passende Frage: „Was passiert denn eigentlich, wenn man in seinem Privatleben die Welt der gesellschaftlichen Gesetze gegen diese Welt des Spiels und des Scheins austauscht?“ Konsequenterweise verweigert sie sich einer Antwort, aber reine Verweigerungshaltung ist noch lange keine Auseinandersetzung. Genau wie Verweise auf Foucault oder Giorgio Agamben ohne Inhalt einfach zu weiteren bunten, witzigen, netten Requisiten werden, eben wie ein Badge oder ein Punk-T-Shirt: rebellische Attitüde, witzig und bequem.

Aber Helene Hegemann hätte schreiben können was sie will, genau wie Bastian Kraft inszenieren könnte was er will, Rezeption und öffentliche Diskussion würden gleich bleiben. Genau wie bei ‚Wir Kinder vom Bahnhof-Zoo’, wo noch so viel Kotze an die Wand geklatscht werden kann, die massentaugliche Faszination einer verqueren Vorstellung eines Lebens jenseits von Konventionen, Beschränkungen und vor allem Verantwortung würde bleiben.

Von daher hat Bastian Kraft auch erstmal alles richtig gemacht, indem er Erwartungshaltungen an bestimmte stereotype Klischées von chicem Wohlstandsverwahrlosungs-Berlin-Bohème-Leben einerseits überzeichnet und persifliert, andererseits aber auch mit ihnen bricht, z.B. in der Wahl der Kostüme, der Musik, die weder Mitte-Schick noch Techno zitieren, sondern 60s- und Vorkriegs-Dekadenz.

Außerdem bietet Kraft dem wirklich fantastischen Ensemble eine grandiose Spielfläche bzw. Laufsteg (Bühne: Peter Baur), wodurch die Inszenierung auf jeden Fall absolut unterhaltsam ist – ohne ins komplett belanglose abzugleiten. Bleibt nur die Frage, wo der Sinn einer Übertragung dieser Buchvorlage auf die Bühne liegt, aber Medien- und Zuschauerinteresse beantworten diese sinnlose Frage ja.

Regie:
Bastian Kraft
Bühne:
Peter Baur
Kostüme:
Dagmar Bald
Video:
Peter Baur
Dramaturgie:
Tarun Kade
Darsteller:
Lisa Hagmeister, 
Birte Schnöink, 
Cathérine Seifert, 
Victoria Trauttmansdorff, 
Sebastian Zimmler.

Ich hätte gerne die Version von DAS HELMI zu AXOLOTL ROADKILL gesehen: AXEL HOL DEN ROTKOHL.

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