Jérôme Bel inszeniert Cédric Andrieux auf Kampnagel Hamburg

Tanz oder Theater?

Der Pariser Choreograf Jérôme Bel porträtiert seit 2004 in einem Biografien-Zyklus herausragende Tänzer aus verschiedenen Traditionen und Stilen. Die bisher fünf Inszenierungen selbst sind ein Spiel mit verschiedenen Stilen und Traditionen: ein Drahtseiltanz zwischen postmodernem Sprech-Theater, Contempuary Dance und Performance. Und ein Spiel mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer.

Von oder mit Cédric Andrieux?

Die Inszenierung „Cédric Andrieux“ hat Jérôme Bel gemeinsam mit seinem namensgebenden Protagonisten erarbeitet. Der Abend kommt ohne Effekte, beinahe völlig ohne Musik und ohne prätentiöse Gesten aus. Der Tänzer Cédric Andrieux präsentiert kein gefälliges Medley seiner herausragenden Karriere, sondern erzählt Bruchstückhaft und immer wieder von Brüchen durchzogen mit einer Mischung aus reflektierter Distanz und emotionaler Nähe aus seinem Leben. Es geht um seinen Wunsch, Tänzer zu werden, seine Entwicklung, seine Chancen, seine Arbeit mit Choreografen wie Merce Cunningham oder Trisha Brown. Es geht aber auch um harte körperliche Arbeit, präkäre Arbeitsbedingungen, Monotonie, Verletzungen und Erniedrigungen, die das Leben eines Tänzers zu weiten Teilen ausmachen – jenseits glamouröser Oberflächen, aber auch jenseits aller Opfer-Stilisierungen.

Authentizität und Voyeurismus

Cédric Andrieux ist immer sehr nah am Zuschauer – oder umgekehrt. Nach den Tanz-Stücken muß er zunächst wieder zu Atem kommen, so dass Pausen und Brüche entstehen. Jeder Atemzug, jede Muskelanspannung, jede Anstrengung ist so wahrnehmbar. Diese unmittelbare Nähe führt dem Betrachter aber auch den eigenen Voyeurismus vor Augen.

Cédric Andrieux und Jérôme Bel gelingt es, Aspekte des Contempuary Dance sicht- und fühlbar zu machen, die bei vielen gängigen Inszenierungen verborgen bleiben: Schweiß, Anstrengung, Demütigung, aber auch die Lust am Tanz und die Entscheidung für ein Leben als Tänzer.

Die Inszenierung ist eine Demystifizierung der vorherrschenden Vorstellungen des Genre Tanz und des Lebens eines Tänzers, ohne in schwarz-weiß-Bilder zu verfallen. Die verschiedenen Seiten einer Medaille werden beleuchtet – auch und gerade die Seiten, die normalerweise nicht im Scheinwerferlicht stehen.

„I want to understand what I’m being part of“

Eines der Bruchstücke findet sich auf youtube, wirkt ohne seinen Kontext aber leider etwas verloren:

Cédric Andrieux. Foto: Herman Sorgeloos

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