Kreative Disziplinierung: René Pollesch inszeniert „Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ am Schauspielhaus Hamburg

„Draußen tobt der Konsens, während ich hier drinnen versuche, Tradition und Anarchie aufrecht zu erhalten.“

… zitierte Sophie Rois einmal in einem Interview eine ihrer Lieblingsstellen aus einem Pollesch-Stück.

„Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ folgt dem gleichen Auftrag:

den allgemeinen Konsens und unhinterfragte Deutungshoheiten hinterfragen: vor allem den weißen, männlichen, heterosexuellen und eurozentristischen Blick. Aber auch Rollen- und Bedeutungszuweisungen, in die Pollesch selbst und seine Truppe (bei „Mädchen in Uniform“ Brigitte Cuvelier, Christine Groß und Sophie Rois sowie ein sehr beeindruckender Chor aus 10 jungen Frauen, das „Frauenbataillon“) verstrickt sind:

„Der Befehl ‚Sei kreativ!’ überfordert mich so!“

Der Traum oder das Fantasma der Kreativität und der Selbstverwirklichung wird von Leuten in Frage gestellt, die objektiv betrachtet genau dies tun und leben. Und daher eben auch die ganze Bandbreite erahnen: keine Selbstverwirklichung ohne Selbstdisziplinierung, ohne Selbstausbeutung. So wie Freiheit jenseits der Repression undenkbar wird, wird auch Selbstverwirklichung jenseits der ökonomischen Verwertbarkeit undenkbar. Und unlebbar.

Und der Chor, das Frauenbataillon, ergänzt: „Die Lust am Ich ist eine trübsinnige Angelegenheit!“ Kreativ sein, schreiben, malen, inszenieren, das ist doch die Übung, das kann doch jeder, das tut doch jeder: alle wollen was sie sollen. „Wege aus der Selbstverwirklichung“ werden nicht aufgezeigt, aber Vorstellungen von der vorgeblichen Selbstverwirklichung werden in Frage gestellt, de-mystifiziert, bloß gestellt.

„Da ist nichts dahinter!“

Pollesch und Bühnenbildner Bert Neumann inszenieren die Inszenierung auf der Bühne als eine Inszenierung hinter der Bühne: eine große Spiegelwand spiegelt den Zuschauerraum und ein karierter Vorhang, wie aus einem Kasperle-Theater, wird von Sophie Rois auf- und zugezogen. Hinter der Bühne ist alles genauso inszeniert ist wie auf oder davor. Wo und wann endet die Inszenierung, wo und wann beginnt Wirklichkeit? Gibt es kein Backstage mehr? In welche Richtung muss ich spielen? „Mich gibt’s nur da wo ich auftrete!“ sagt Sophie Rois, die die Wirklichkeit bereits in „Liebe ist kälter als das Kapital“ und „Fantasma“ vergeblich suchte. Auch da konnte sie die Bühne nicht verlassen bzw. landete beim Verlassen der Bühne auf einem Filmset, ist zu einer „Bühnenexistenz“ verdammt. Ein Verweis auf die permanente Inszenierung und Performance, der die Frage nach dem Wirklichkeits-Begriff genau wie nach der ökonomischen Verwertbarkeit „exaltierter Künstlerinnen“ stellt.

Das Thema ist keine reine Wiederholung aus älteren Stücken, sondern ein Weiterspinnen: nicht nur die Schauspieler haben die Richtung verloren, auch das Publikum. Mit einem abgeschmackten Verständnis von Kunst und Theater, mit der Gier nach echten Gefühlen, nach einem Blick hinter die Kulissen, nach Authentizität.

„Dass alle ihr individuelle Erfahrung für sich selbst halten!“

Zuschauer, die sich stimulieren und inspirieren lassen, um dann zu Hause schnell ihr eigenes Theaterstück in ihr Laptop zu tippen. …oder einen Text für ihren Blog. „Glotzt nicht so inspiriert!“ zischt der Chor und „Weg mit den Talenten, die sich ein Buch abringen!“ Theater als individuelle Stimulans. Funktioniert an diesem Abend bestens.

Weiteres, selbstreflexives, Thema: ein Kulturbetrieb, der alle Inhalte zum Verschwinden bringt. Egal was Kunst, Theater oder Medien einmal vermarkten und verwerten, jeder emanzipatorische oder widerständische Inhalt verschwindet, wird höchstens zu einer rebellischen Attitüde.

Pollesch weiß, dass die Menschen ohnehin nur hören und sehen, was sie auch hören und sehen wollen. Und wer nur Boulevard-Oberfläche sieht, sieht eben auch nichts anderes. Wilde sagte hierzu mal: „Wer unter die Oberfläche dringt, tut dies auf eigene Gefahr.“

Pollesch bietet seine Diskurs-Versatzstücke wie immer im Gewand von Boulevard-Theater-Elementen, Situationskomik, Slapstick und Zitaten aus der Popkultur. Diesmal setzt er allerdings weniger auf Lautstärke, Effekte und Reizüberflutung – oder zumindest in vergleichsweise reduzierter Form – wodurch der Abend an Konzentration auf den Inhalt gewinnt. Wobei Konzentration vielleicht der falsche Ausdruck ist, da Pollesch und sein Team nach wie vor keine leicht verdaulichen, homogenen Aussagen präsentieren, sondern Widersprüche aufzeigen und produzieren, immer zwischen Ernst und Ironie. Der Abend zeigt somit keine „Wege aus der Selbstverwirklichung“ auf, sondern provoziert Fragen. Fragen wie folgende:

„Wo ist sie denn, die Unterdrückung?“

Was sind Möglichkeiten politischen Widerstandes? Jedenfalls nicht der männliche, weiße, heterosexuelle Jugendliche, der einen Jaguar anzündet und bereits in „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“ thematisiert wurde. Auch nicht der Selbstbetrug in Form von Verklärungen vergangener Protestformen.

In diesem Zusammenhang hätte auch thematisiert werden können, dass gerade Versuche widerständiger Praxen als Stimulans verwertet und somit entwertet werden und längst Teil bürgerlicher Vergesellschaftung sind. Keine Jugend- oder Subkultur ohne rebellische Attitüde – oder zumindest rebellisches Outfit.

„Da draußen herrscht nur Individualisierung“ – „Da draußen gibt es nur Entsolidarisierung“

Pollesch verhandelt in „Mädchen in Uniform“ vor allem das Thema der Disziplinierung drinnen und draußen und stellt die von Foucault formulierte Frage nach den dahinter liegenden Mechanismen von Zurichtung und Macht.

Aber wo ist denn da draußen? Wo beginnt denn draußen? Der Feind lässt sich nicht mehr lediglich in einer feindlichen Umwelt ausmachen wenn die Innenwelt feindlich wird.

Wie lassen sich Unterdrückungsverhältnisse thematisieren, wenn die Disziplinierung längst verinnerlicht ist? Wenn alle wollen, was sie sollen?

Wie und wo können heute noch Formen politischen Widerstandes entwickelt und erprobt werden? Wie und wo können heute Individuen sich noch als Teil einer kollektiven Gemeinschaft, einer Gesellschaft begreifen und erfahren? Pollesch stellt hier einen Bezug zu den von Diedrich Diederichsen analysierten Studentenprotesten gegen die Umgestaltung der Universitäten zu Wissens-Fabriken her.

„Es gibt keine Freiheit jenseits der Repression“

Der Freiheitsbegriff, wie er in dieser Gesellschaft verwendet und verstanden wird, dient vielmehr der Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse, dient als Hoffnung, Antrieb, Inspiration, Stimulans. „Freiheit“ wird verwertet, genau wie „Liebe“.

„Es ist so schwer mit jemandem zusammen zu sein, der so viel gibt und so wenig dafür verlangt.“ Wie sind soziale Beziehungen in einer vollkommen auf Individualisierung und ökonomische Verwertbarkeit ausgerichteten Gesellschaft möglich? Eine Frage, die auch in „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ gestellt wurde. Warum werden Beziehungen immer nur in Begriffen der Liebe erzählt? Warum kann Sophie Rois das geliebte und geschätzte „Einzelwesen“ nicht verlassen und stattdessen den Chor, das kollektive Frauenbataillon, lieben? Liebe und Tod, konstatiert Rois, sind singuläre Erlebnisse, da gibt es nichts zu teilen.

Baudrillard schrieb passend hierzu:

„Die Gewalt des Konsens und der forcierten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auzureißen trachtet; die jede Form der Negativität und Singularität einschließlich der letzten Form der Singularität, die unser Tod ist, löscht; die Gewalt einer Gesellschaft, die uns das Negative und den Konflikt und den Tod untersagt…“

„Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ setzt sich mit eben dieser Gewalt des Konsens auseinander, immer auf der schmalen Schneide zwischen Ernst und Ironie. Ob das gelingt oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Und darin liegt sowohl die Stärke als auch die Schwäche von Stücken von Pollesch: Schmerz oder Scherz? Inhalt oder Verpackung? Am Ende kann der Konsument entscheiden, was er mit nach Hause nimmt…

Trailer vom Schauspielhaus Hamburg:

„Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“ frei nach Christa Winsloe

Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Chorleitung: Christine Groß
Choreografie: Brigitte Cuvelier
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Brigitte Cuvelier, Christine Groß, Sophie Rois.
Chor: Laura Louise Brunner, Lea Connert, Paula Hans, Lisa Karrenbauer, Marion Levy, Hannah Müller, Franziska Pohlmann, Laura Schuller, Lydia Stäubli, Lisa Schwindling.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s