Wege aus der Selbstverwirklichung – René Pollesch

Komme gerade von einer Diskussionsveranstaltung im Schauspielhaus Hamburg zu René Polleschs nächstem Stück „Mädchen in Uniform – Wege aus der Selbstverwirklichung“.

Ein Gespräch mit dem Verlesen der Liste erhaltener Preise zu beginnen, ist ja schon ein fragwürdiger Start. Aber Fragen nach dem „idealen Zuschauer“ oder „idealen Schauspieler“ gehen dann doch dermaßen am Inhalt von Pollesch-Stücken vorbei, dass es ganz erstaunlich war, dass Pollesch das Ganze dennoch mit Inhalt füllen konnte. Stellt sich eher die Frage nach einer „idealen Moderation“.

„Wo ist die denn hier? Die Unterdrückung?“

Und so unpassend viele Fragen auch waren (nicht nur von der Moderatorin Ursula Keller, sondern auch teilweise vom Publikum… Zitat: „Nett und bescheiden, dass mag man leiden!“), haben sie im Prinzip das von Pollesch Gesagte offensichtlich gemacht. Der Normalzustand hier ist eben sexistisch, rassistisch, gewalttätig usw.. Und trotz aller dekonstruktivistischen Ideale lassen sich die Erfahrungen, die aufgrund von Hautfarbe oder Geschlecht gemacht werden, eben auch nicht wegreden. Pollesch brachte dazu das Beispiel, dass Schriftsteller wie Goethe oder Thomas Mann über die Probleme der Menschheit als Menschen schreiben, aber jemand wie Jelinek schreibt immer als Frau, wird von außen immer als Frau, die Frauenliteratur schreibt, kategorisiert.

Der Untertitel von „Mädchen in Uniform“ lautet „Wege aus der Selbstverwirklichung“. Selbstverwirklichung ist in dieser Gesellschaft eigentlich ein positiv konnotierter Begriff, so dass der Titel für Irritationen sorgt. Hierbei geht es weniger um eine konkrete Alternative, sondern vor allem um ein Hinterfragen. Um ein Hinterfragen von Vorstellungen und Versprechen von Freiheit, Glück, Zufriedenheit. Und ob diese Vorstellung von Selbstverwirklichung, der früher vielleicht einmal ein emanzipatorischer Gedanke zugrunde lag, mittlerweile nicht vielmehr zu einem Imperativ, zu einer Form von Selbstdisziplinierung und -zurichtung auf einen de-regulierten Markt ist, in dem von Individualität bis hin zu Widerständigkeit alles einem universellen Verwertungsprinzip unterworfen ist. Diese Form der Disziplinierung bedarf kaum noch einer äußeren Autorität, da sie verinnerlicht ist und durch fragwürdige Vorstellungen von Glück und Freiheit motiviert wird.

Pollesch benutzte andere Worte und Bilder, z.B. den Vergleich von Burka und Bikini, die beide dazu dienen, den Körper als weiblich zu markieren, zwar auf unterschiedliche Art und Weise, aber beide als Ausdruck von Sexismus.

Die Bildsprache von Pollesch und seine Verweise auf Diskurse von Foucault oder Agamben bis hin zur Biologin Donna Haraway scheinen Moderatorin und Teile des Publikums aber gar nicht erreicht zu haben, wie einige Nachfragen sehr deutlich zeigten. Was ja aber Polleschs These, dass viele nur hören und verstehen, was sie hören und verstehen wollen, ganz gut belegt.

Die meisten wollen sich ihre tolle selbstgewählte Selbstverwirklichung anscheinend nicht schlecht reden lassen – auch nicht am Theater. Denn da gehen sie ja hin, zahlen ihren Eintritt oder machen ihren Job, wegen der Selbstverwirklichung. Das Problem sind ja nicht mangelnde Informationen oder Denkanstöße, sondern der Mangel an Auseinandersetzungsbereitschaft. Oder Kommunikationsfähigkeiten wie im Falle von Ursula Keller und Teilen des Publikums.

„Nett und bescheiden, dass mag man leiden“ ?

Da bleiben eigentlich keine Fragen mehr offen. Aber klar können und wollen anscheinend gerade junge attraktive Menschen, die sich wahrscheinlich mit aller Energie auf vollem Kurs auf ihrem Weg in die Selbstverwirklichung befinden, gar keine Denkanstöße. Die wollen Karrierechancen. Dass aber nur für wenige auf dem Siegertreppchen Platz ist und der Rest eben auf der Strecke bleibt, werden sie wahrscheinlich noch früh genug erfahren. Da wird wohl auch „Mädchen in Uniform“ nichts dran ändern, aber sein Publikum kann sich eben niemand aussuchen. Seine Inhalte aber schon.

Dazu Pollesch in einer Ankündigung für „Mädchen in Uniform“:

„Mein Gott! Nicht noch so eine exaltierte Künstlerin! Und dabei wären Sie so eine glückliche Hausfrau geworden! Hören Sie auf, sich zu empören! Formulieren Sie Ihre Probleme mit mir nicht in Begriffen der Unterdrückung. Wo ist die denn hier? Die Unterdrückung? Was soll dieses Gefasel von Ausdruck, und dass ich Ihnen den rauben wollte. Sie werden im Gegenteil dauernd zum Ausdruck ermutigt! Das sollte Ihr Problem sein.“

Von daher war die Veranstaltung gerade wegen ihrer Absurdität und beinahe Entgleisung eigentlich total gelungen – Widersprüche und Reibungspunkte werden im Theater selten so auf den Punkt gebracht, so was kann anscheinend nur die Wirklichkeit.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s