Liebe + Tod: Karin Henkel inszeniert „Glaube Liebe Hoffnung. Ein kleiner Totentanz von Ödön von Horváth“ am Schauspielhaus Hamburg

…but death is not the end…

Horváths kleiner Totentanz beginnt mit der jungen Elisabeth, die aus Verzweiflung über ihre ausweglose Situation ins Wasser geht. Elisabeths persönlicher Kampf um ein besseres Leben bzw. ums Überleben ist vergeblich angesichts einer durch und durch kommerzialisierten, hierarchisierten und bürokratisierten Gesellschaft. Wie eine Figur von Kafka oder aus einer griechischen Tragödie bemüht sie sich, einen ungleichen Kampf nicht zu verlieren, dessen verworrene Regeln von anderen aufgestellt werden.

Horváths Grundthema, der Kampf des Individuums gegen eine unheimlich-gesichtslose Gesellschaft, „dieses ewige Schlachten“ (Horváth), ist heute genauso aktuell wie 1932: So wie Elisabeth zunächst aufgrund von Schulden und anschließend aufgrund kleiner Missverständnisse und Unaufrichtigkeiten immer tiefer in die Mühlen der Staatsmacht gerät, die immer wieder ausruft: „Wir sind doch zu ihrem Schutz da!“, geraten auch heute Menschen in Existenz bedrohende Situationen, sei es aufgrund von eingesteckten 1 Euro 30 oder weil sie zur falschen Zeit Kontakt zur falschen Person hatten und plötzlich nach § 129a unter Terrorismusverdacht stehen.

 

„Jetzt geht’s wieder los“ – kein Entkommen

Karin Henkel versucht allerdings gar nicht erst, inhaltliche Bezüge zur Gegenwart zu ziehen, was auch nicht nötig ist. Stattdessen konzentriert sie sich ganz auf die Geschichte von Elisabeth und spielt in ihrer Inszenierung mit der Chronologie der Handlung: wie eine Klammer beginnt und schließt das Stück mit Elisabeths Selbstmordversuch. Innerhalb dieser Klammer werden in Rückblicken entscheidende Momente von Elisabeths Weg in den Selbstmord beleuchtet. Immer wieder werden Szenen wiederholt, meist in gesteigerter Intensität. Wie um zu verdeutlichen, dass Elisabeths Glaube, Liebe, Hoffnung von vorneherein aussichtslos sind und ihre Demütigungen, Verletzungen gerade durch ihre permanente Wiederholung summiert und potenziert werden. Dadurch wird an Elisabeth exemplarisch nachvollziehbar, wie die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse Armut und Kriminalität produzieren und Existenzen zerstören können.

Für diese komplexen Zusammenhänge hat Henkel treffende Bilder gefunden: vor allem Masken. Alle außer Elisabeth verschwinden immer wieder unter riesigen, unheimlich-entindividualisierenden Masken, so wie jedes Individuum nicht nur für sich steht sondern immer auch eine gesamtgesellschaftliche Rolle, Funktion und Bedeutung hat. Zwar treten immer wieder die Menschen unter den Masken hervor, aber genauso schnell können sie auch wieder darunter verschwinden. So wie Elisabeths große Hoffnung auf einen Ausweg, der Schutzpolizist, der im ständigen Wechsel von einem anderen Darsteller gespielt wird, wie um die Austauschbarkeit seiner Person zu verdeutlichen, und der sich am Ende gegen Elisabeth wendet, um seine Karriere nicht zu gefährden.

Auch das Bühnenbild unterstreicht Elisabeths Situation: ein kalter, geschlossener Raum, lediglich der Sprung ins Wasser stellt für Elisabeth einen Ausweg dar. Elisabeths tapetenartig vervielfältigtes Bild erinnert an die Fahndungsplakate der RAF-Terroristen, die in den 70er und 80er Jahren ähnlich präsent waren. Die Bilder erinnern aber auch daran, dass Elisabeth, das einzige Individuum des Stücks, nur eine von vielen ist, kein Einzel- oder Sonderfall, sondern ein Massenphänomen.

 

„Ich möchte mein eigener Herr sein“ – kein Richtiges im Falschen

Elisabeths Geschichte erzählt auch von der Geschichte einer Frau in einer Gesellschaft, in der nicht nur Arbeitskraft und –zeit verkauft werden, sondern auch Körper, Hoffnungen, Träume. Elisabeth ist permanent damit beschäftigt, irgendwelche Berührungen, Beschmutzungen und Verletzungen abzuwehren. „Einem Mann wäre das nicht passiert, was Elisabeth passiert ist. Elisabeth endet u.a. so wie sie endet, weil die Männer im Stück ihren weiblichen Körper benutzen und ausnutzen.“ kommentiert Jana Schulz in einem Interview. Oder wie Elisabeths Schupo wiederholt sagt: „Ich schätze eine Frau höher ein, die von mir abhängt.“ Ihre Beziehung zum jungen Schutzpolizist stellt für sie vor allem einen möglichen Hoffnungsschimmer, einen Ausweg aus ihrer ausweglosen Situation dar, aus der sie sich aus eigener Kraft nicht befreien kann. Aber gerade diese letzte ihrer Hoffnungen, die Liebe, stellt sich für Elisabeth als tiefe Verletzung dar. Jana Schulz ergänzt noch:„Aber es liegt nicht nur daran, dass Elisabeth eine Frau ist, sondern weil sie der ‚Mensch Elisabeth’ ist, dass sie so endet, wie sie endet.“ Dieser Aspekt wird eindrucksvoll dargestellt, als Elisabeth aus Zwang und Not eine Freundin an die Polizei verpfeift. Denn hier muss sich Elisabeth nicht als Frau bzw. als weiblicher Körper verkaufen, sondern als Mensch.

 

…people ain’t no good…

Horváth sagte einmal: „Wer wachsam den Versuch unternimmt, uns Menschen zu gestalten, muß zweifellos (…) feststellen, dass ihre Gefühlsäußerungen verkitscht sind, das heißt: verfälscht, verniedlicht und nach masochistischer Manier geil auf Mitleid, wahrscheinlich infolge geltungsbedürftiger Bequemlichkeit (…).“ Jana Schulz schafft es, Kitsch, Mitleid und Geltungsbedürftigkeit in ihrer beunruhigend-überzeugenden Darstellung der Elisabeth zu vermeiden und stattdessen den Mensch Elisabeth in ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Verletzungen für den Zuschauer zugleich emotional erfahrbar als auch rational erfassbar zu machen. Unterstützt wird sie hierbei von einem Ensemble, das von einer Rolle zur nächsten wechselt oder im Chor an die Rampe tritt. Jenseits von jedem Kitsch wird in dieser Inszenierung keine einfache schwarz-weiße Gesellschaftskritik geübt, sondern gerade die Verworrenheit des Systems und die Verwicklung und Verstrickung jeder einzelnen Person in die Gesamtverhältnisse vielleicht nicht gerade subtil, aber dafür sehr eindringlich beleuchtet. Das dürfte nicht allen gefallen, und viele interessieren so Themen wie Armut, Not, Gewalt und Tod eben auch nicht. Solange man selbst nicht betroffen ist. Aber das ist ja auch Teil des Problems.

Und auch wenn der Inszenierung vorgeworfen werden kann, Theater nicht neu erfunden zu haben, so gelingt Karin Henkel mit ihrer Inszenierung, woran sich viele nicht mal versuchen: Theater als Finger in Wunden und Narben jedes Einzelnen und der Gesellschaft zu bohren.

Jana Schulz

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