Macht + Wahnsinn: Luc Percevals „The truth about the KENNEDYS“ im Thalia Theater Hamburg

SCHEIN+SEIN II: The truth about the KENNEDYS

Spielzeiteröffnungen, vor allem Uraufführungen, vor allem unter neuer Intendanz, sind offensichtlich immer wieder gern gefundenes Fressen für Zerrisse. Belege dafür finden sich in den einschlägigen (und tonangebenden) Feuilletons der Zeitungen oder entsprechender Seiten im Netz. Wie die Klatschpresse sich an Fehltritten, Ausrutschern oder einfach dem Leid irgendwelcher Promis labt, stürzen sich Theaterkritiker anscheinend mit gleicher Gier auf vermeintliche Fehltritte neuer Intendanten und Regisseure.

Luc Percevals „The truth about the KENNEDYS“ eröffnete am 04. September 2009 die neue Spielzeit im Thalia Theater unter der neuen Intendanz von Joachim Lux. Außerdem ist es eine Uraufführung. Der Stoff ist von Luc Perceval zusammen mit den Dramaturginnen Marion Tiedtke und Malte Ubenauf sowie Schauspielschülern recherchiert, zusammengestellt und bearbeitet worden.

The truth? Whose?

Perceval lässt seine Schauspieler auf einer ständig rotierenden Drehbühne kaum zur Ruhe kommen, selbst an der Rampe kommen die Schauspieler aufgrund der endlosen Text-Salven kaum zum Atmen. Und das ungefähr dreieinhalb Stunden lang. Im Hintergrund stapeln sich Zeitungen meterhoch wie eine Mauer und dienen als Projektionsfläche für Bilder und Filme, alle bigger-than-life und trotzdem unscharf, nicht zu greifen. Wie die Motive: die Kennedys. 160 Jahre Familiengeschichte, gleichzeitig amerikanische Weltgeschichte. Den glamourösen Teil kennt jeder: allen voran Jack und Jackie Kennedy. JFK, Präsident und Attentatsopfer inklusive aller möglichen Verschwörungstheorien. Wenige Jahre später: Bobby, Präsidentschaftskandidat, Attentatsopfer etc. Kennt jeder. Weiß jeder schon alles. Oder denkt zumindest, alles darüber zu wissen. Natürlich kommen auch die hinter der Hochglanz-Fassade liegenden, weniger glamourösen Familien-Geschichtchen auf die Bühne: frühe Verwicklungen in zwielichtige Alkohol-Schmuggeleien gefolgt von anderen kriminellen Machenschaften; die auf Erfolg und Disziplin getrimmte Erziehung; die etwas zurückgebliebene kleine Rose, die nach einer missglückten Gehirnoperation in ferne Kloster abgeschoben wird; die komplett verkorksten persönlichen Beziehungen; die zahllosen Affären; Drogenmissbrauch; politische Intrigen und Winkelzüge etc.. Kennt vielleicht nicht jeder, wundert aber auch niemanden.

The truth? Who cares?

Perceval zeigt die Kennedys als Menschen in einer über-medialisierten, über-kommerzialisierten, über-sexualisierten Welt, entsprechend bestimmt vom Streben nach Geld, Macht, Hedonismus. Wahrheit gibt es in dieser Welt nicht, aber wer die Mittel und Möglichkeiten hat, kann seine Wahrheit geltend machen. Macht-geile, korrupte Politiker, die über Leichen gehen und dabei immer auf die Wahrung des öffentlichkeitswirksamen Schönen Scheins bedacht sind. Im Hintergrund zerrüttete Beziehungen, Verhältnisse, Intrigen, Tragödien. Alles wie beim Denver- oder Dallas-Clan. Allerdings gibt es zu diesen (wissentlich an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen) einen entscheidenden Unterschied: es handelt sich um keine Fernseh-Serien, sondern um tatsächliche Begebenheiten, um reale Menschen und ihr Leben.

Die Wahrheit findet sich (nicht) in der Illusion

Perceval und seine fantastischen neun Schauspieler wahren immer die Distanz zu den Figuren: die Schicksale werden eher erzählt als gespielt, Rollen wechseln, Emotionen werden bis zur Satire übersteigert. Emotionale Identifizierungen sind somit den Zuschauern kaum möglich. Was einige unbefriedigt zurücklassen dürfte. Und voller Fragen, auf die keine einfach-greifbaren Antworten geboten werden.

Die meisten kritischen Stimmen lassen sich kurz zusammenfassen: Und was soll jetzt dieser ganze postdramatische Kram? Was bringt es, wenn sich niemand mehr mit nichts und niemandem identifizieren darf und soll? Wenn niemand mehr berührt und mitgerissen wird?

Die Frage geht direkt zurück an die Fragenden: Die Wirklichkeit schreibt offensichtlich die brutalsten Drehbücher, aber erst oberflächliches Mitgefühl für arme Opfer, die spannende Erwartung des Falls des Schurken, die Lösung des Konflikts, am Besten im Happy End, machen einen Theaterabend zu einem wohligen, kathartischen, bestenfalls spannenden oder sogar leicht-schockierenden Erlebnis? Nun, Jackie, Rosie, sogar Ted hätten doch wunderbar zum Opferlamm getaugt, Big Daddy & Mummy oder Jack als nahe liegende Schurken auf ihre Bestrafung gewartet – Luc Perceval hätte also mit Leichtigkeit all diese Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen des Publikums bedienen können. Hat er aber nicht. Hat wohl seine Gründe.

Vielleicht hatte er einfach keine Lust, aus dem Stoff einen Thriller à la Hollywood inklusive aller emotionalen Hochs- und Tiefs zu zaubern. Wäre sicher einfach gewesen – und hätte die meisten Kritiker erschreckender Weise wahrscheinlich eher begeistert. Ob Perceval nun seinen Glauben an illusionistisches Theater verloren hat und nun nach neuen Wegen und Möglichkeiten eines narrativen Theaters sucht, mag sein. Jedenfalls wirft er Fragen auf, nicht nur über die Kennedys, sondern über die Welt in der wir leben, in der Theater stattfindet, in der wir Zuschauer sind.

Perceval und Lux haben mit dieser Eröffnung definitiv den mutigeren Weg gewählt. Denn dass sie mit irgendeinem beliebten Klassiker als Eröffnungsstück auf der sichereren Seite gewesen wären, dürfte den beiden auch klar gewesen sein. Wollten sie aber anscheinend nicht. Hat wohl seine Gründe.

Ausschnitte aus den Proben, von Perceval auf youtube veröffentlicht:

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